Es war einmal ein kleiner, süßer Hase mit flauschigem Fell und niedlichem Stummelschwänzchen. Geboren wurde er an einem ungemütlichen Novemberabend im Kopf eines Autors.

Er war kein Wunschkind, und so entschloss sich sein Erzeuger, ihn gnadenlos zu entsorgen. Ohne zu zögern brach er ihm mit einem professionellen Handgriff das Genick und warf ihn in den Papierkorb. Der Autor hätte im Moment alles mögliche gebrauchen können, aber ganz sicher keinen Hasen. Er legte nämlich Wert darauf, ein richtiger Rebell zu sein, ein Querdenker, ein Sandsack im Getriebe der etablierten Konventionen. Und in der anstehenden Dezemberkolumne sollte das unmissverständlich zum Ausdruck kommen. Hätte sein Kopf einen Alligator geboren, einen Hai oder einen Löwen, wäre das akzeptabel gewesen. Aber ein Hase? Lächerlich! Zugegeben, er ist schnell, aber kein Kämpfer. Er rennt immer nur weg. Er stellt nicht die bestehende Ordnung in Frage, sondern akzeptiert kleinlaut sein Schicksal und verkriecht sich im Erdloch. Er ist ein Feigling, ein Opportunist. Weg damit! Doch es vergingen keine 5 Minuten, da hatte unser Autor schon den nächsten Hasen geboren. „Ey samma, watt läuft denn hier ab?“ Wütend klatschte er das neu geborene Häschen an die Wand. „Wo ist meine verdammte Muse? Hallo? Hörst du mich? Kannst du mir mal was Repräsentativeres einpflanzen? Etwas, womit ich in den Krieg ziehen kann?“ Das Fenster ging auf, eine sichtlich genervte Muse schwebte herein, öffnete ihm die Schädeldecke, implantierte eine verschwommene Idee und verschwand wieder. Kurze Zeit später setzten die Wehen ein, der Autor presste – und schwups: Ein Hase. „Ja bin ich denn bescheuert? Tut mir leid, liebe Leser, diesmal is nix mit Feldzug. So eine Schande! Dabei hätte sich gerade die Dezemberausgabe angeboten, mal richtig auf die Barrikaden zu gehen. Jetzt, wo man nirgends mehr hinschauen kann, ohne von so einer dämlichen Weihnachtsmannfresse angegrinst zu werden! Doch Vorsicht! Ich will mich um Himmels Willen nicht zu diesen ekelhaften Klugscheißern gesellen, die jedes Jahr aufs neue ihre überflüssigen Kommentare über das Weihnachts- Zombie-Theater loswerden müssen. Die sind auch nicht besser.“ Ja, unser Autor hätte den Lesern gern seinen wahren Standpunkt erläutert und gezeigt, auf welchem weit entfernten Planeten er sich diesbezüglich befand. Aber leider fehlten ihm gerade jetzt die richtigen Worte dafür. Alles, was seine phantasielose Muse für ihn hatte, war ein lächerlicher Osterhase.